Gaia

(von Heike Mitsch)

„Nach vielen tausend Jahren hat die Erde nun den Menschen satt.“

Peter Schilling - „Die Wüste lebt“ (1983)

Es begann alles mit der längsten Regenperiode, die die Erde jemals gesehen hatte. Es regnete überall, ob in den Tropen, ob im hohen Norden, ja sogar in den Wüsten regnete es ohne Unterlass.

Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel. Weder konnten sie erklären, woher das ganze Wasser kam, noch konnten sie überhaupt einen Grund für diesen Klimaumschwung feststellen. Die einen sprachen von Auswirkungen des Ozonlochs, andere hatten den Kohlendioxid-Ausstoß in Verdacht, wieder andere meinten, es seien normale Klimaschwankungen.

Religiöse Gruppen wiederum sahen sich in ihren Vorhersagen bestätigt, prophezeiten eine zweite Sintflut und bauten Archen.

Die Politiker beschworen das Volk, Ruhe und Besonnenheit zu zeigen. Das Volk wiederum reagierte mit Panikkäufen und Plünderungen.

Und die Pegel der Flüsse stiegen und stiegen ...

1. Anfang

„Dreihundert Euro für eine jämmerliche Pumpe“, grummelte Claus vor sich hin. „Reiner Wucher! Ich hätte dem Kerl am Liebsten seine grinsende Fresse poliert!“

Das gute teure Stück lag währenddessen im Kofferraum und wurde kräftig durchgeschüttelt.

„Wer ist nur auf diese dämliche Idee gekommen, hierher zu ziehen?“ Er musste sich eingestehen, dass es seine Idee gewesen war. Damals, als seine Ehe mit Ruth auf der Kippe gestanden hatte. Sie hatten sich voneinander entfernt. Dann war er auf die Idee gekommen, mitten in der Wildnis, in einer Talsenke zwischen hohen Bäumen ein Haus zu bauen. Die gemeinsame Arbeit hatte dann seinen Zweck erfüllt, sie hatten gemerkt, dass sie füreinander geschaffen waren, trotz aller Unterschiede in ihren Wesenszügen.

Dann hatte er endlich ihr Grundstück erreicht. Er parkte direkt vor der Tür, öffnete die Autotür, sprang in den Matsch und griff sich die Pumpe aus dem Kofferraum. Er schaute zum Himmel, wo man die Abendsonne nur schwerlich durch den dichten Regen erkennen konnte. „Und sowas nennt sich Sommer“.

Auf dem Weg zur Haustür musste er knöcheltief durch Wasser laufen. „Ich hab’s geahnt“, murmelte er vor sich hin. Er öffnete die Haustür, stürmte zur Kellertreppe und sah das Desaster. Der gesamte Keller stand bis fast zur Kellerdecke unter Wasser. „Kein Wunder, dass ich Ruth nicht per Telefon erreicht habe, der Strom muss ausgefallen sein.“

Überhaupt, wo war sie? „Ruth, wo bist du?“ rief er.

„Hier oben, auf dem Dachboden. Gut, dass du jetzt hier bist, wir haben kaum noch Zeit, gleich ist es soweit!“

Er lief die Treppe hinauf, rauf zum Dachboden. Ruth war dabei, einen Rucksack durch die Dachluke zu schieben.

„Was machst Du da? Der Keller steht unter Wasser!“

„Ich weiß“, antwortete sie gelassen. „Es gibt Wichtigeres zu erledigen.“

„Wichtigeres als unsere ganzen Sachen im Keller? Wichtiger als unser Haus?“

„Ja, wichtiger als das Haus. Das steht sowieso nicht mehr lange.“

„Was redest du da? Und was für Sachen stellst du da überhaupt aufs Dach?“

„Kannst du dich noch an das Schlauchboot erinnern, das was wir damals im Urlaub in Spanien gekauft hatten? Hol das bitte mal. Und bring doch gleich den Kompressor mit, danke!“

Claus wusste zwar nicht, weshalb er gehorchte, aber er ging in den hinteren Bereich des Dachbodens und holte beide gewünschten Dinge. Ruth war mittlerweile aufs Dach gestiegen. Er folgte ihr und nahm das Boot und den Kompressor mit. Zum Glück war das Dach recht flach, so konnten sie trotz des Regens relativ sicher darauf stehen.

Ruth nahm ihm das zusammengefaltete Boot aus der Hand und fing an, es zu entrollen. „Kannst du bitte das Boot aufpumpen?“

Er nahm den Kompressorschlauch und schloss ihn an. Dann drückte er den Schalter und der Kompressor tat seine Arbeit.

„Ich habe das Akku gestern aufgeladen“, nahm sie seine Gedanken vorweg. „Ich hatte das Gefühl, dass das besser wäre. Gestern war ich mir noch nicht sicher, was denn passieren würde, aber ich wusste, dass wir das Gerät brauchen würden.“

„Was um alles in der Welt wird denn passieren?“

„Gleich bricht der Staudamm. Dann wird hier alles überschwemmt.“

„Woher willst du das wissen? Der Staudamm ist vielleicht voll, aber der hält, der ist für die Ewigkeit gebaut.“

„Nichts ist für ewig. Und wenn du genau hinhörst, wirst du gleich ein Grollen spüren.“

Ruth hatte Recht. Nur wenige Sekunden, nachdem sie es gesagt hatte, hörte er es. Ein fernes Grollen, das schnell näher kam. Er schaute sie fassungslos an, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

„Schau mich nicht so an, pumpe jetzt lieber den Außenring auf.“

Mechanisch tat er, wie sie ihm befohlen hatte.

„So, und jetzt steig ins Boot, nimm deinen Rucksack und halte dich fest. Gleich geht’s rund.“

Claus tat, wie ihm befohlen wurde. Erneut wunderte sich ein kleiner Teil seiner selbst darüber, wieso er so widerspruchslos reagierte.

Dann kam das Wasser. Das Rauschen und Gurgeln wurde zu einem Brausen und Tosen. Als die erste Flutwelle ihr Haus erreichte und den Wagen gegen die Hauswand drückte, spürten sie die Erschütterung. Dann kam die zweite Welle, die rasch anstieg. In wenigen Sekunden kletterte sie die Hauswand hoch, erfasste das Schlauchboot und trug es mit Ruth und Claus davon. Claus warf noch ein Blick zurück und konnte sehen, wie noch einmal kurz das Haus aus den Fluten auftauchte, um dann von der dritten Flutwelle endgültig begraben zu werden und einzustürzen.

Das Schlauchboot schlingerte und torkelte, Claus und Ruth krallten sich mit beiden Händen am Boot fest, immer in der Angst, von Bord gespült zu werden. Mit den schweren Rucksäcken auf dem Rücken wäre dies ihr sicherer Tod, selbst wenn die Strömung nicht dermaßen stark gewesen wäre.

Nach einiger Zeit, wie lange, das hätte niemand von ihnen beiden sagen können, beruhigte sich die Strömung. Nun glitten sie nur noch relativ langsam dahin. Die Sonne, kaum erkennbar durch den Regen, schickte sich an unterzugehen.

„Wir brauchen ein Lager für die Nacht“, meinte Claus.

„Ich weiß“, antwortete Ruth ruhig. „wir sind gleich da. Siehst du das Haus, das da hinten aus dem Wasser ragt?“

Sie fuhren derzeit durch eine Stadt. Die meisten Häuser waren überschwemmt, überall trieb Schutt, und vereinzelt glaubte Claus, Leichen entdeckt zu haben, aber er redete es sich ein, dass es sich nur um Baumstämme handelte.

Er folgte Ruths Hand. Wenn er genau hinschaute, glaubte er, ein schlankes Haus zu erkennen, das zwischen zwei weiteren Häusern stand. Als er näher kam, konnte er es genauer erkennen. Es sah aus wie ein Bürogebäude, mit einer Neonreklame auf dem Dach. Sie ruderten bis zur Feuerleiter, die sich das Haus hochschlängelte. Dort nahm Ruth ein Seil und befestigte das Boot.

Sie stieg aus und half Claus, von Bord zu kommen. Dann stieg sie die Feuerleiter hoch.

„Was machen wir mit dem Boot?“ wollte Claus wissen.

„Das holen wir gleich. Erstmal legen wir oben unsere Rucksäcke ab.“

Sie stiegen vier Stockwerke hoch, bis Ruth eine Tür öffnete. „So, hier sind wir sicher. Leg deinen Rucksack hier ab, wir holen das Schlauchboot.“

Das Boot die vier Stockwerke hochzutragen, war eine anstrengende Sache. Es war zwar nicht schwer, aber dafür um so sperriger. Ruth zog von oben, sie hatte sich das Seil um die Brust gespannt, Claus drückte von unten mit seinem Kopf und seinen Schultern. So ging es Schritt um Schritt und Stufe um Stufe.

Nach einer Viertelstunde hatten sie es endlich geschafft. Sie schoben das Boot durch die Eisentür und schlossen sie hinter sich.

Claus sackte mit dem Rücken an die Wand gelehnt zu Boden und stöhnte. „Hätten wir das Boot nicht auch draußen lassen können?“

„Ich befürchte, dass es dann morgen nicht mehr da gewesen wäre. Laß uns weitergehen. Nimm deinen Rucksack auf, wir brauchen einen Schlafplatz.“

Ruth nahm eine Taschenlampe aus ihrem Rucksack und beleuchtete den Gang. Er führte anscheinend bis zum entgegengesetzten Ende des Hauses. In der Mitte schien ein Lichtschacht zu sein.

Sie gingen bis zum Lichtschacht, um den herum ein Geländer führte und schauten hinab. Im Schein der Taschenlampe konnten sie das Wasser erkennen, das sich wenige Stockwerke unter ihnen befand. Auf dem Wasser schwammen Pflanzen, die wohl früher einmal im Erdgeschoss gestanden hatten.

Links von ihrem jetzigen Standpunkt war eine große Glastür, hinter der sie Tische und Stühle erkennen konnten, es war anscheinend die Kantine. Sie öffneten die Glastür. Plötzlich wurden sie von einer Lampe direkt ins Gesicht geblendet.

Claus warf sich auf den Boden, Ruth blieb stehen. „Hallo Freund, ich bin Ruth“, sprach sie ruhig.

„Hallo Ruth, ich bin Armin“ kam es zurück. Eine weibliche Stimme fügte hinzu: „Und ich bin Susann.“

„Und die Person auf dem Boden ist Claus.“ Zu ihm gewandt meinte sie: „Du kannst ruhig aufstehen, es sind Freunde.“

Zum Beweis legte Armin die Taschenlampe ab und zündete eine Gaslaterne an.

Jetzt hatten Ruth und Claus die Gelegenheit, sich umzusehen.

Die Kantine war im Stil einer Seemannskneipe dekoriert. An den Wänden hingen Netze und mitten im Raum stand ein großes hölzernes Rettungsboot, das sicherlich zehn Personen Platz bot.

Armin und Ruth saßen an einem Tisch direkt am Eingang und hatten jeweils einen Teller mit Salat vor sich stehen.

Susann winkte die beiden zu sich. „Kommt her, setzt euch zu uns und esst mit. Dann könnt ihr erzählen, wo ihr herkommt und was euch geschehen ist.“

Als die beiden sich setzten, stand Armin auf und ging in die Küche. Eine Minute später kam er mit zwei großen Tellern Salat wieder. „Hier, bitte bedient euch. Morgen, spätestens übermorgen wird das alles verdorben sein, dann können wir nur noch Verpacktes essen. Also genießt es, wer weiß, wann es wieder dieses Essen geben wird.“

„Irgendwann wird der Regen schon aufhören“, meinte Claus. „Dann wird sich die Situation ganz schnell normalisieren. Außerdem können uns ruhig auch mal die anderen Länder helfen.“

Armin schaute ihn unverständlich an. „Ist dir noch gar nichts aufgefallen? Das regnet überall! Das wird nicht so einfach ‘wusch’ machen, und alles wird wieder gut! Paris, London, Tokyo, Moskau, New York, die stehen alle unter Wasser und der Pegel steigt immer weiter.“

„Aber irgendwann wird er wieder sinken. Das hat uns doch die Regierung gesagt!“

Armin schnaubte verächtlich. „Die Regierung! Pah! Weißt du, was die gemacht haben, kaum dass wir ihnen sagten, dass wir das Wasser nicht mehr aufhalten könnten? Die haben ihre Sachen gepackt und sind auf und davon!“

Ruth schaute ihn fragend an.

„Ja, ich war der Leiter des hiesigen Katastrophenstabs.“ Er schaute traurig auf den Boden. „Und ja, ich bin verantwortlich für die Menschen, die durch die Sprengung der Dämme flussaufwärts ums Leben kamen. Es hat alles nichts gebracht. Ich wusste es, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Die Welt wird niemals mehr so sein, wie noch vor ein paar Monaten.“

2. Armin

Armin fing an zu erzählen.

„Vor zwei Wochen wurde ich in das Büro des zuständigen Ministers gerufen. Ich ahnte schon, worum es gehen würde. Die bisherigen Katastrophenteams hatten getan, was sie konnten, aber sie hatten die Flut nicht aufhalten können. Jetzt mussten Köpfe rollen und neue Leute mussten die Positionen ausfüllen. Ich war einer dieser neuen Leute. Nicht, dass ich die Erfahrung gehabt hätte, meine einzige Erfahrung bestand darin, dass ich Ingenieur im Wasserbau war und am Bau von Staudämmen beteiligt gewesen war. Aber alle guten Leute waren die letzten Monate über verheizt worden. So saß ich im Vorzimmer des Ministers, wissend, was auf mich zukommen würde.“

„Sie dürfen jetzt eintreten“, meinte die hübsche blondhaarige Sekretärin zu Armin. Sie sieht überarbeitet aus, dachte er bei sich.

Wahrscheinlich konnte sie in einer solchen Situation genausowenig einer geregelten Arbeitszeit nachgehen wie ihr Chef.

Mit einem Lächeln, das versuchte, ihrem müden Blick und ihrer Verzweiflung Lügen zu strafen, öffnete sie die Tür.

Der Minister saß hinter einen großen Schreibtisch, auf dem sich die Papiere nur so stapelten. „Kommen sie herein, nehmen sie bitte Platz.“

Armin setzte sich auf den angebotenen Sessel vor dem Schreibtisch.

„Möchten sie etwas trinken?“

Armin winkte ab.

„Gut, dann kommen wir gleich zum Punkt. Sie können sich sicherlich denken, weswegen ich sie gerufen habe. Unsere Situation ist verzweifelt, aber nicht hoffnungslos. Es gibt Dammbrüche, es gab Tote, aber bislang konnten die großen Städte noch trocken gehalten werden. Nun, die Bevölkerung meint trotzdem, wir würden nicht genug tun, deswegen habe ich gestern die bisherigen Leiter der Teams entlassen. Aber das dürften sie ja der Presse entnommen haben.“

Armin nickte.

„Nun, wir brauchen jetzt neue Leute, Leute mit frischen Ideen, Leute, die die Dinge unkonventionell, aber erfolgreich anpacken. Wir brauchen Leute wie sie! Möchten sie nicht diese Aufgabe übernehmen?“

Armin merkte, dass der Minister nur der Höflichkeit wegen fragte. Dank des ausgerufenen Notstands konnte sowieso jeder Bürger zu allen möglichen Tätigkeiten verpflichtet werden, so wie seit Wochen die Arbeitslosen zum Sandsäcke schaufeln zwangsverpflichtet waren.

„Was soll ich machen?“

„Das liebe ich mir!“ antwortete der Minister jovial. „Leute, die nicht lange zaudern und einfach loslegen. Hier, schauen sie.“ Er zog eine Karte aus einem der Stapel. „Sehen sie das Gebiet um den Stausee? Der See ist randvoll, und von den Oberläufen her kommen immer weitere Wassermassen. Meine Berater sagten mir, dass er eine weitere Flutwelle nicht mehr aushalten würde und brechen könnte. Der Stausee ist der größte unseres Landes. Sie können sich vorstellen, was passiert, wenn er bricht? Dazu darf es nicht kommen. Sie bekommen alle Mittel, die wir entbehren können.“

Er griff zur Wechselsprechanlage. „Frau Mertens, bitte organisieren sie einen Transport für unseren Gast zum Einsatzteam Nord und stellen sie sicher, dass er alle nötigen Unterlagen erhält.“

Er stand auf, was für Armin das Signal war, es ihm nachzutun.

Der Minister reiche ihm die Hand. „Mein Junge, unser Land verläßt sich auf sie. Ich habe keinen Zweifel, dass wir es schaffen werden.“

Er geleitete ihn bis zur Bürotür. Im Vorzimmer saß bereits ein neuer Gast, wohl der kommende Einsatzleiter des Teams Süd. Die Sekretärin gab ihm ein Dossier in die Hand. „Hier sind alle notwendigen Informationen über den Staudamm, Wetterprognosen, Einsatzstärke ihres Teams und so weiter. Bitte gehen sie aufs Dach. Der dortige Hubschrauber wird sie direkt zur Leitstelle fliegen. Viel Glück!“

Auf dem Dach begrüßte ihn der allgegenwärtige prasselnde Regen. Er schaute hinauf in die trübe Brühe, wo er mit viel Mühe eine wässrige Fassung der Mittagssonne erkennen konnte. Er fragte sich, wann er zum letzten Mal die Sonne wirklich gesehen hatte. Es kam ihm wie Jahre vor, fast schon wie eine Illusion aus vergangener Zeit. Würden sie jemals wieder die Sonne sehen? Würden sie diesen Kampf gewinnen? Der Minister hatte zuversichtlich geklungen, aber Armin machte sich nichts vor. Es gab keinerlei Anzeichen, dass der Regen irgendwann aufhören würde.

Jemand tippte an seiner Schulter, Armin schrak auf.

„Wollen sie noch lange im Regen stehen?“ fragte ein hagerer junger Mann in Fliegeruniform. „In meiner Maschine regnet es nicht aber sie können trotzdem in den Himmel schauen.“

Der Pilot öffnete die Seitentür und ließ Armin zuerst einsteigen, dann folgte er und nahm Platz. Er reichte Armin die Hand. „Ich bin Niko Hermann, ich bin der Pilot der Einsatzgruppe und stehe Ihnen die nächsten Wochen zur vollen Verfügung.“

„Ich bin Armin. Ich denke, wir sollten uns duzen. Wenn wir die Flut besiegen wollen, müssen wir ein Team sein, das sich versteht.“

„Einverstanden“. Er ließ die Maschine an.

„Und mir steht wirklich die nächsten Wochen der Hubschrauber voll zur Verfügung? Womit habe ich die Ehre verdient?“

„Das hat ganz praktische Gründe. Die Straßen sind in vielen Bereichen kaum passierbar, bei vielen Brücken steht der Kollaps kurz bevor. Außerdem wird wohl bald die Kommunikation zusammenbrechen. Etliche Vermittlungsstellen sind abgesoffen oder sie stehen kurz davor. Da ist es besser, wenn wichtige Informationen oder wichtige Personen und Dinge schnell und sicher transportiert werden können. Ich gebe uns noch maximal einen Monat, dann sind wir weg vom Fenster, buchstäblich abgesoffen, finito, aus.“

„So schlimm sieht es aus? Aber wieso hört man das nicht in der Presse?“

„Die Presse? Die ist gleichgeschaltet. Wir liefern die Bilder, liefern die Texte, die sie senden dürfen. Und da der Notstand ausgerufen wurde, haben wir den Leuten ja verboten zu reisen. Dadurch sehen sie nicht, dass es woanders zum Teil noch viel schlimmer aussieht.“

Die Turbine war warmgelaufen, Niko brachte sie auf Drehzahlen und hob ab. Während das Flugs hatte Armin Gelegenheit, sich das Land anzusehen. Überall sah er Arbeitskolonnen, die Sandsäcke aufschichteten oder Entwässerungsgräben aushoben. Mehr als einmal sahen sie lange Flüchtlingskonvois. Und überall war das Wasser. Langsam wurde ihm bewusst, dass Niko Recht hatte. Wenn kein Wunder geschah, würde dieses Land untergehen. Er fragte sich, in welchen Ländern sie Zuflucht finden könnten. Er stellte die Frage Niko.

Dieser lachte laut auf. „Die Presse scheint wirklich gut gearbeitet zu haben. Es sieht überall so übel aus. Vereinzelt sind schon ganze Staaten abgesoffen.“

„Und die Berge?“

„Die Bergregionen der Staaten sind überlaufen, außerdem haben die meisten Länder damit angefangen, sich abzuschotten. Überall an den Grenzen der Staaten ist Militär stationiert, die die Flüchtlinge abhalten sollen. Aber ich weiß gar nicht, ob ich in die Berge wollte.“

„Wieso nicht?“

„Erdrutsche. Die Gletscher schmelzen und reißen alles mit sich und in den Tälern vereint sich das Wasser zu reißenden Flüssen. Nein, da möchte ich nicht sein.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Wir sind übrigens angekommen. Das Wasser unter uns ist zur Abwechslung mal kein Überschwemmungsgebiet, sondern der reguläre Stausee, wenn auch etwas größer als normal.“

Die Wasserfläche unter ihnen schien sich bis zum Horizont auszudehnen.

Normalerweise genoss er diesen Anblick. Jetzt aber, wo das Wasser eine Bedrohung darstellte und angesichts dessen, was ihm Niko eben erzählt hatte, wirkte das Wasser auf ihn wie ein allesverschlingender Teppich, der alles menschliche Leben auszulöschen versuchte.

Nach einigen Minuten sah Armin eine Unterbrechung in der Wasserfläche, sie hatten den Damm erreicht.

Niko setzte die Maschine nicht direkt auf der Dammkrone ab, sondern landete in den Hügeln daneben, vor einem zweistöckigen rotgeklinkerten Haus.

„Das ist die Kommandozentrale. Eigentlich ist es ja ein Ausflugslokal, aber hier ist mehr Platz zum Übernachten, außerdem möchten die Leute nicht mehr Zeit als irgend nötig auf dem Damm verbringen.“

Niko sprach weiter: „Bitte steig jetzt aus. Ich muss weiter, Nahrungsmittel und Treibstoff holen. Die Tasche hinter Deinem Sitz ist übrigens für Dich, da ist Kleidung drin.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Eine Sache noch. Die Leute hier sind nicht gerade glücklich darüber, dass ihnen auf einmal ein anderer Einsatzleiter vor die Nase geknallt wird.“

Kaum dass Armin außerhalb des Sicherheitsabstands war, fuhr Niko die Turbine wieder hoch und hob ab.

Armins erster Gang war zum Damm. Es fehlte wirklich nicht mehr viel, weniger als einen Meter musste das Wasser nur noch steigen, dann würde es die Dammkrone überfluten. Einzelne Wellen waren so hoch, dass sie bereits für nasse Füße sorgen würden, wenn sie nicht schon vom Dauerregen durchweicht wären.

Er schaute auf die andere Seite. Fast einen Viertelkilometer unter sich konnte er sehen, wie die Wassermassen aus großen Fluttoren stürzten.

„Ich bin gespannt, was sie anders machen wollen“, vernahm er plötzlich eine Stimme hinter sich.

Armin drehte sich um. Vor ihm stand ein mittelgroßer, mittelschwerer Mann mit Halbglatze.

Er antwortete verdutzt: „Ich bin ...“

„Ja, ich weiß, sie sind der neue große Fachmann, der uns Minderbemittelten zeigen soll, wie wir der Katastrophe entkommen können, viel Glück dabei. Ich bin Robert Dorn, der stellvertretende Koordinator.“

„Ich denke, wir müssen etwas klarstellen, ich ...“

„Hier draußen ist es mir zu nass. Wenn wir weiterreden wollen, müssen sie mir folgen“, sprach er, drehte sich um und ging in Richtung des Hauses.

Bevor Armin ihm folgte, schaute er sich noch einmal um. Was konnte er hier nur anstellen? Wie konnte er es schaffen, die Katastrophe abzuwenden? Wie um alles in der Welt war er nur in diese Situation geraten?

Als er das Haus betrat, fand er sich plötzlich vor einem Dutzend Männer und Frauen wieder, die ihn unverhohlen neugierig musterten.

„Ich dachte“, fing Robert an zu erzählen, „sie würden gerne die Leute sehen, die sich seit ein paar Wochen um die Dammsicherheit kümmern. Vielleicht möchten sie uns ja ein paar aufmunternde Worte spendieren.“

„Nun, wenn ich schon so freundlich dazu aufgefordert wurde. Mein Name ist Armin Schwertmüller. Ich wurde vom Minister dazu beauftragt, eigentlich müsste man sagen zwangsverpflichtet, der neue Leiter des hiesigen Krisenstabs zu sein.“

„Das ist uns nicht entgangen“, sprach Robert Dorn halblaut.

„Ich möchte gleich hinzufügen, dass ich es mir nicht ausgesucht habe, dass ich nun diesen Job machen muss. Außerdem möchte ich betonen, dass ich nicht denke, dass der bisherige Leiter schlechte Arbeit geleistet hat. Ich denke, das denkt nicht einmal der Minister. Es mussten wohl nur Köpfe rollen. Wenn es sie beruhigt, es wurden ...“

Die Erde bebte, Armin hielt sich in Panik an einem Tisch fest. Sekunden später war der Spuk vorbei.

„Was war das?“

„Mikrobeben. Vor vier Wochen hatten wir die ersten, jetzt werden sie immer regelmäßiger und kommen seit einer Woche täglich. Davon hat ihnen das Ministerium nichts gesagt, oder?“

„Nein, wirklich nicht. Ist die Ursache der Beben bekannt?“

„Wenn ich etwas dazu sagen darf“, meldete sich eine junge Frau zu Wort. „Ich bin Kerstin Siegloch, hier im Team verantwortlich für die Geologie. Wir vermuten den Ursprung der Beben in tektonischen Aktivitäten in dieser Gegend.“

„Aber diese Gegend ist seit Jahrtausenden tektonisch ruhig gewesen, ansonsten hätten wir doch nie den Damm hier erbauen lassen!“

„Die Ruhe mag für die letzten Jahrtausende gestimmt haben, jetzt aber ist die Erde in Bewegung. Wohin, das wissen wir nicht, aber sie scheint sich immer mehr damit zu beeilen.“

„Wie macht das der Damm mit?“

Ein Mann älteren Baujahrs mit schütterem, grauen Haar meldete sich zu Wort. „Erich Wimmer, ich habe den Damm entworfen. Nun, dafür wurde er nicht konstruiert. Er wird früher oder später Risse bekommen. Wenn es dann zu plötzlichen Druckänderungen am Damm kommt, besteht die Gefahr eines Dammbruchs.“

„Welche Gründe könnten zu einer solchen Druckänderung führen?“

Kerstin meldete sich wieder. „Ich sehe da zwei Dinge. Zum einen könnte eine weitere Flutwelle, die wir in ein paar Tagen hier erwarten, dazu führen. Eine erheblich höhere Gefahr geht aber von den Hängen aus. Wir haben gestern an einigen Hängen eine Bewegungsgeschwindigkeit von etwa zehn Zentimetern am Tag gemessen, sie wissen, was das bedeuten kann.“

Armin nickte. „Es kann jederzeit zu einem Bergsturz kommen.“ Ihm fröstelte. „Ich vermute, dass die Staumauer das auf keinen Fall aushalten wird?“

Erich Wimmer bestätigte seine Befürchtungen. „Wenn es nicht diese Beben gäbe, würde ich sagen, dass die Mauer das problemlos aushalten würde, es würde wohl nur Wasser über die Mauer schwappen, wobei das problematisch genug wäre. Aber so lege ich die Hand für den Damm nicht ins Feuer. Ich denke, sie würde nachgeben.“

„Wir müssen evakuieren.“

Robert Dorn zog seine Augenbrauen skeptisch in die Höhe. „Und wie? Die Orte im potentiellen Überflutungsgebiet sind doch jetzt schon praktisch von der Außenwelt abgeschlossen. Die Versorgung findet mit geländegängigen Fahrzeugen oder sogar aus der Luft statt. Es ist ausgeschlossen, über diese Wege die Menschen in einer angemessenen Zeit transportieren zu können. Und außerdem: Wohin sollen wir sie denn bringen?“

„In höhergelegene Gebiete?“

Robert lachte herzlos. „Welche höhergelegenen Gebiete denn? Viele der gefährdeten Orte liegen doch schon höher als das Umland. Und hier oben sieht es doch auch kaum besser aus. Die Berge eignen sich nicht für so viele Menschen, außerdem haben wir massiv mit Erdrutschen zu kämpfen. Die Berge können wir ausschließen.“

„Und die Hochebenen?“

„Sind genauso überschwemmt wie die Tiefebene. Viele der Dämme halten das Flusswasser kaum noch, sie stehen kurz vor dem Bruch. Nein, es gibt keine Orte, an denen die Leute ausweichen können.“

Armin schaute bestürzt. „So schlimm sieht es aus? Ich dachte, wir hätten alles unter Kontrolle?“

„Die Situation ist schon lange nicht mehr unter Kontrolle. Alles, was wir hier machen, ist der Versuch, das Unausweichliche wenigstens ein wenig hinauszuzögern.“

„Und wenn es aufhört zu regnen?“

„Nun, mal davon abgesehen, dass es nicht danach aussieht, aber einfach mal den Fall genommen, es würde wirklich aufhören. Nun ja, das Wasser in den Oberläufen wird nicht einfach verschwinden, das kommt so oder so. Ich denke in maximal einer Woche ist der Damm Geschichte.“

„Nun“, Armin atmete tief durch, „auch wenn die Situation wirklich schlimm aussieht, sollten wir versuchen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Welche Optionen haben wir denn noch?“

„Nicht viele“, antwortete Erich, „Die Fluttore stehen weit offen, sehr viel mehr geht von dieser Stelle aus nicht. Wir müssten irgendwie versuchen, den Druck vom Damm zu nehmen.“

„Und wie soll das geschehen?“

„Nun“, Robert warf Armin einen nicht wirklich freundlichen Blick zu, „sie sind jetzt der Leiter, lassen sie sich etwas einfallen.“

„Bitte lasst uns zusammenarbeiten. Die Situation ist erheblich zu ernst, um jetzt Kleinkriege auszutragen. Offiziell bin ich jetzt zwar der, der alles entscheiden und verantworten soll, aber bitte lasst uns konstruktiv sein. Ich habe wirklich keine Probleme, nach innen die bewährten Strukturen weiter zu behalten, wirklich!“

Es folgte Stille und abwartende Blicke. Als erstes ging Kerstin auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Gut, ich bin Kerstin, willkommen im Team!“

Bald hatten ihn alle in der Gruppe aufgenommen, alle bis auf einen. Robert Dorn spürte die Blicke, die auf ihm lasteten. Mehr widerwillig reichte er schließlich Armin die Hand.

„Nun, nachdem das alles geklärt ist, wer erklärt sich dazu bereit, mir alles zu erklären?“

Am dritten Tag, am Ende einer weiteren ergebnislosen Diskussionsrunde kurz vor Mittag, wagte Armin den Vorstoß. „Und wenn wir sprengen?“

Robert schaute ihn verständnislos an. „Sprengen? Den Damm?“

„Nein, natürlich nicht. Nicht diesen Damm, sondern ein paar Flussdämme im Oberlauf.“

„Und was ist mit den Leuten dort? Ist das nicht ein wenig rücksichtslos?“

„Ja, dessen bin ich mir auch bewusst. Aber wie viele Menschen leben im Oberlauf, wie viele leben unter dem Damm? Ich denke, wir sind in der Situation, in der wir abwägen müssen. Im Unterlauf ist unsere gesamte Industrie, unsere gesamte Energieversorgung. Erich, kann uns das helfen?“

Erich fixierte einen imaginären Punkt an der Decke, das tat er immer, wenn er sich konzentrierte. „Es würde das Unausweichliche ein paar Tage nach hinten verzögern, denke ich.“

„Wann würde der Damm brechen, wenn wir es nicht täten?“

Kerstin antwortete. „Die Rutschgeschwindigkeit einiger Abhänge hat sich die letzten zwei Tage mehr als verdoppelt. Ich rechne mit einen Bergsturz spätestens in etwa drei Tagen.“

„Und wenn wir sprengen?“

„Nun, ich denke der Hang wird so oder so niedergehen, vielleicht zwei oder drei Tage später.“

„Aber in der Zeit würde der See besser leerlaufen können, weil ja der Zufluss geringer ausfallen würde. Vielleicht würde der Damm das dann aushalten?“

Erich meldete sich wieder zu Wort. „Es kann sein, dass das funktioniert. Aber wollen wir das wirklich?“

„Haben wir eine Alternative?“ Armin schaute in die Runde. „So halten wir doch wenigstens für ein paar weitere Tage die Katastrophe vom Unterlauf fern. Und wer weiß, vielleicht hört es ja doch noch zu regnen auf?“

Sie diskutierten noch eine weitere Stunde lang. Sie beschlossen schließlich, dass sie wenigstens durchrechnen wollten, ob es wirklich funktionieren könnte. Am Ende der Sitzung strömten alle Leute in ihre Bereiche, um sich die geologischen Daten vom Oberlauf zu holen, mögliche Überschwemmungsgebiete auszumachen, zu berechnen, um wie viel der Damm dabei entlastet wäre, bei den dortigen Bereichsleitern einen Statusbericht anzufordern, ohne ihnen jedoch zu sagen, worum es ging.

Am späten Nachmittag setzten sie sich wieder zusammen.

Armin schaute in die Runde: „Und?“

„Es kann funktionieren“, begann Erich, „es gibt viele Unbekannte, aber alles zusammengerechnet, denke ich, dass wir eine Chance von über siebzig Prozent haben, dass der Plan funktioniert.“

„Nun gut. Dann sollten wir schleunigst die Sprengungen einleiten.“

„Und wer wird sich freiwillig unter Wasser setzen, nur um einen unausgegorenen Plan auszuprobieren?“ Robert schaute Armin feindlich an. „Meiner Meinung nach ist dieser ganze Plan rücksichtslos und schwachsinnig!“

„Wer sprengen wird, das weiß ich auch nicht. Aber ich denke, wir sollten abstimmen, ob wir dem Minister diesen Plan nicht wenigstens vorlegen sollten.“

Mit knapper Mehrheit wurde Armins Vorschlag schließlich gebilligt. Wenig später erklärte Armin dem Minister seine Gedanken über Funk.

Er schluckte sichtlich. „Sie wissen, welche Entscheidung sie mir damit aufbürden, oder?“

„Dessen bin ich mir bewusst. Aber wir haben hier keine Alternativen gesehen. Es fällt uns auch nicht leicht, diese Sache von ihnen zu erbitten. Aber ich kann ihnen eben nur die Zahlen vorlegen, entscheiden müssen sie.“

„Schicken sie mir bitte ihre ganzen Berechnungen, ich lasse das nochmal durchrechnen, ich melde mich dann.“

Nachdem sie die Daten abgeschickt hatten, fing das lange Warten an.

Es war schließlich nach Mitternacht, als sich der Minister meldete. „Wir machen es. Es ist uns nicht leicht gefallen und ich muss sicherlich nicht betonen, wie kontrovers das Ganze bei uns diskutiert wurde, aber schließlich haben wir uns zu einer Entscheidung durchringen können. Wir werden alles Notwendige in die Wege leiten, so dass wir morgen früh sprengen können.“

So leicht war es dann aber doch nicht. Am Morgen meldete sich der Minister erneut. „Es gibt Probleme. Die Ortsleiter weigern sich, die Befehle durchzuführen. Wir denken über Alternativen nach.“

Am frühen Abend ahnten sie, was der Minister unter ‚Alternativen‘ verstand. Ein grollender Lärm lockte sie nach draußen. Sie sahen gerade noch, wie knapp über ihren Köpfen mehrere Dutzend Kampfhubschrauber hinweg flogen. Soweit sie es durch den Regen erkennen konnten, waren sie mit Raketen beladen, die an den Seiten hingen.

Eine halbe Stunde später fingen die Explosionen anĀ, ihr Feuerschein erhellte die Dämmerung am Horizont. Während Armin sich das Schauspiel fasziniert ansah, ging Robert Dorn angewidert ins Innere. Wenige Minuten später kam er mit einem Handfunkgerät zurück und hielt es Armin wortlos hin.

Aus dem Lautsprecher drangen vielstimmige Gesprächsfetzen, manche flehend, manche entschlossen.

„... das könnt ihr nicht machen, hier unten sind Menschen ... wir können nicht ausweichen ... wir werden ertrinken ... wenn ihr denn Damm sprengt, tötet ihr uns ... wir haben eine Menschenkette auf dem Damm gebildet, wenn ihr schießt, trefft ihr uns ...

Die Explosionen gingen ungerührt weiter und immer mehr Stimmen verstummten, bis nur noch Rauschen aus dem Lautsprecher kam. Dann endeten die Explosionen. Armin spürte die Blicke, die auf ihm lasteten, die ihn verachteten, die ihm vorwarfen: „Du, Du warst es, der sie getötet hat!“

Er senkte den Kopf und ging davon. Und er ging und ging. Nach ungezählten Minuten blieb er stehen. Er war mitten im Wald. Dann drang es aus ihm heraus. Er weinte. Er weinte, wie er noch nie geweint hatte. Sämtliches Leid der Welt schien sich über seine Tränen zu entladen. Er konnte nicht mehr stehen. Er hockte sich nieder, die Hände im schlammigen Boden und schluchzte jämmerlich. Und dann entlud es sich auf einen Schlag. Er stand auf, voller Ärger, voller Ärger über die Welt, über das Wetter und vor allem über sich. Sein Ärger entlud sich in einem Schrei, einem Brüllen, das die Welt noch nicht gehört hatte.

Dann war er still. Er schloss die Augen. Auf einmal berührte ihn eine Hand auf seiner Schulter, er zuckte zusammen.

„Nicht erschrecken“, sagte Kerstin. „Wir alle sind schuld. Wir haben gemeinsam den Entschluss getroffen.“

„Aber die Idee kam von mir, ich bin schuld.“

„Wer weiß. Vielleicht war es genau die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit? Der Wasserspiegel wird sinken und vielleicht hört es ja morgen gleich zu regnen auf und alles wird gut?“

Armin war nicht davon überzeugt aber er schwieg. Stumm ließ er sich von ihr zurück führen.

Das Wasserspiegel fiel am folgenden Tag tatsächlich. Aber gleichzeitig hatten sie das Gefühl, als wenn der Regen versuchte, gegen den sinkenden Pegel anzukämpfen, so stark fiel das Wasser vom Himmel.

Aber langsam aber sicher schien sich der Pegel abzusenken.

Nach den Dammsprengungen hatte sich die Gruppe geteilt. Die Gruppe um Robert Dorn sparte nicht mit verächtlichen Blicken und entsprechenden Kommentaren. Erich Wimmer war der Kristallisationspunkt einer Gruppe, die sich für ihre Entscheidung schämte. Und nur Kerstin hielt zu Armin, indem sie nicht von seiner Seite wich und versuchte, alle mit ihren Blicken abzuwehren.

Es war der Abend des dritten Tages. Sie saßen gemeinsam in der Kantine und aßen zu Abend. Robert wollte gerade wieder einen Streit beginnen. „Na wie geht es denn unserem Totengräber? Schmeckt das Brot, wie sieht es denn mit dem Appetit aus, wenn man so viele Menschen auf dem Gewissen hat?“

Kerstin warf ihm einen Blick zu, so intensiv dass die anderen meinten, das Knistern der Spannung körperlich zu spüren.

Dann bebte die Erde, stärker als die Tage zuvor. Sie verstummten. Einige Augenblicke später kam Erich hereingerannt. „Der Hang rutscht!“

Sie stürmten hinaus und konnten noch sehen, wie ein großer Hang am anderen Dammende in den Fluten versank. Dann kam die Flutwelle. Armin hielt den Atem an, würde der Damm es aushalten? Kerstin ergriff seine Hand.

Das Wasser kam. Die Wellen waren mehrere Meter hoch. Sie schienen sich in Zeitlupe auf den Damm zuzubewegen. Dann hatte sie ihn erreicht. Die Wellen schlugen gegen die Dammkrone, mehr als eine Welle schwappte über und fiel auf der anderen Seite in die Tiefe.

Aber der Damm hielt. Dann war das Schauspiel zu Ende. triumphierend schaute Kerstin Robert an. Armin ging wortlos ins Haus zurück.

Er setzte sich an das Funkgerät und ließ sich den Minister geben. Er war sichtlich erfreut über die Nachrichten.

„Meinen Sie, dass damit das Schlimmste gebannt ist?“

„Nun, ich wäre nicht so optimistisch. Wir haben mehrere Hänge, die abrutschen könnten, unter anderem sogar der Hang, an dem unser Gebäude steht. Wir haben uns aber Zeit erkauft.“

„Nun, das ist auch was. Benötigen sie etwas? Kann ich sie irgendwie unterstützen?“

„Es wäre nett, wenn sie uns den Hubschrauber schicken könnten, damit wir die anderen Hänge inspizieren können.“

Der Minister sicherte ihm zu, dass er in den folgenden Tagen damit rechnen könnte.

Wenige Tage später hörten sie gegen Mittag das Knattern von Rotorblättern, und gingen hinaus. Die Freude war groß, als sie sahen, dass Niko der Pilot war. Als die Maschine stand, stieg er aus.

„Sorry Leute, dass ich erst nach so vielen Tagen wiederkomme. Ich wäre gerne schneller wiedergekommen, schließlich soll ich angeblich exklusiv für euch zur Verfügung stehen, aber ich hatte einen Transport nach dem anderen. Ich glaube manchmal, ich besitze den letzten Hubschrauber der Regierung, so viele Minister und Abgeordnete habe ich die letzten Tage geflogen. Zur Entschädigung habe ich aber wieder Essen und Getränke mit. Ihr könnt mir gleich mal beim Entladen helfen. Passt aber besonders mit der Kiste auf, auf der ‚Signalpistolen‘ steht.“ Er grinste spitzbübisch. „Ich möchte nicht, dass etwas von dem Tropfen vergossen wird.“

Nachdem die Maschine entladen war, nahm Armin Niko zur Seite.

„Wie sieht es woanders aus?“

„Schrecklich. Die Sprengungen haben Dutzenden direkt das Leben gekostet. Viele weitere sind in den entstandenen Fluten umgekommen. Vorgestern wurde das Gebiet oberhalb des Damms aufgegeben. Jeder, der dort noch überlebt hat, ist nun ohne Unterstützung und muss um sein eigenes Leben kämpfen.“

„Und die Regierung?“

„Die sind geflohen. Ich habe einen Großteil ausgeflogen. Es gibt einen Militärstützpunkt in den Bergen, in dem jetzt die übrig gebliebenen Mitglieder tagen. Aber ob die was entscheiden oder nicht, das kommt auf das Selbe hinaus. Viel können sie nicht mehr tun. Aber das Schlimmste ist für mich die Unwissenheit der normalen Bevölkerung. Die meisten gehen immer noch ihrer Arbeit nach, als wenn nichts wäre.“

„Dann sollten wir sehen, wie lange wir die Zurückgelassenen noch schützen können. Können wir gleich starten? Ich würde mir gerne die Hänge anschauen.“

Auf dem Weg zum Hubschrauber stieß Kerstin zu ihnen.

„Kann ich mitkommen? Ich brauche mal eine Abwechslung.“ Armin schaute fragend zu Niko, der mit einem „ist mir doch egal“-Blick antwortet.

Kerstin mache einen Schmollmund, kullerte mit ihren Augen und flehte „Bitte“.

Armin lachte und nahm sie in den Arm. Gemeinsam gingen sie zum Hubschrauber. Wenige Minuten später waren sie in der Luft.

Zuerst sahen sie sich den abgerutschten Hang näher an.

„Es ist weniger runtergegangen, als ich befürchtet habe“, meinte Kerstin.

„Ja, aber das heißt auch, dass der Rest noch abrutschen kann. Und du hast gesehen, wie knapp es für den Damm gewesen ist. Etwas mehr und die Katastrophe wäre da gewesen.“

In der kommenden halben Stunden flogen sie um den See und schauten sich die übrigen Hänge an. Was sie sahen, war wenig erfreulich. Die Risse im Erdreich waren offensichtlich, die meisten Hänge waren schon mehrere Meter abgerutscht. Sie gaben die Ergebnisse an ihre Kollegen weiter.

Wenige Minuten vor ihrer Ankunft kam über Funk ein Anruf.

„Wir haben hier heftige Beben, ich glaube, da passiert was!“

In diesem Moment schrie Kerstin auf. „Schau dir die Hänge an!“

Wie in einem Ballet für Riesen schienen alle Hänge gleichzeitig in den See zu gleiten. Nicht sonderlich schnell, eher in einer gespenstischen Eleganz schienen sie sich zu bewegen. Armin meinte, sie sagen zu hören „das war‘s“.

„Wir müssen sofort zurück zur Basis!“, schrie Kerstin, „wir müssen die Anderen retten, die Flutwelle wird enorm sein!“

„Die passen hier aber nicht alle rein. Hier haben fünf Leute Platz. Sieben, wenn sie sich in den Gepäckraum quetschen. Aber keine Zwölf!“

„Zu spät!“, rief Armin.

Die Flutwelle kam. Und sie erreichte die Station. Sie sahen aus der Entfernung, wie Gestalten auf das Dach kletterten, um sich zu retten.

Dann hörten sie ein Geräusch, das sie ihr Leben lang nicht vergessen würden. Als ob die Erde sie anbrüllen würde, so kam es vom Damm. Dann hörten sie über das Geräusch des Hubschraubers hinweg ein Knirschen. Das Knirschen steigerte sich zu einem Crescendo der Vernichtung. Dann gab der Damm nach. Das Wasser erbrach sich ins Tal.

Als ob dies der Auftakt zu einem Konzert der Vernichtung werden sollte, brachen die Hügel und Hänge nun immer mehr zusammen. Die Hänge an den Seiten des Damms gaben nach. Eine Welle aus Schlamm und Geröll begrub die Station unter sich.

„Wir können nichts mehr für sie tun.“, flüsterte Armin.

„Aber wir können sehen, ob wir Menschen weiter unten retten können!“, versuchte Niko ihn zu motivieren.

In der nächsten Zeit flogen sie dem Wasser und der Flutwelle hinterher. Es bot sich ihnen ein grausames Bild der Zerstörung. Kein Haus schien den Wassermassen standgehalten zu haben, sie entdeckten keine Überlebenden. Am frühen Abend erreichten sie die Stadt. Auch hier waren die meisten Häuser überflutet, aber eine handvoll Bürogebäude schauten aus den Fluten hervor.

„Da winken welche!“, rief Kerstin, die die besten Augen zu besitzen schien. Und tatsächlich standen eine handvoll Personen auf einem der Dächer und winkten dem Hubschrauber mit beiden Armen zu.

Sie beschlossen zu landen. Die sechs Personen gehörten zu einer Reinigungskolonne, die von der Flut überrascht worden waren. Sie hatten nur überlebt, weil sie in den oberen Etagen gewesen waren, als die Flut kam. Sie hatten mehr Glück gehabt als ihre Kollegen, die in den unteren Geschossen mit ihrer Arbeit angefangen hatten.

„Wir haben ein Problem“, stellte Niko nüchtern fest. „die Sechs hier und wir Drei. Das passt nicht in meine Maschine. Und selbst wenn, wir wären überladen.“

„Dann reissen wir die hintere Sitzbank raus.“

„Dann kann vielleicht eine Person mehr ein. So oder so muss aber mindestens eine Person zurückbleiben.“

„Was ist in dem Rucksack da hinten?“, fragte Armin.

„Das ist mein Notfallrucksack. Da ist eine Lampe drin. Ein Messer, ein Schlafsack, Nahrungsmittel für ein paar Tage, außerdem gefüllte Wasserflaschen.“

„Ich nehme den Rucksack und bleibe hier. Du fliegst los, bringst die Leute weg und kommst wieder.“

„Ich bleibe bei dir“, meinte Kerstin.

„Nein, du fliegst mit Niko. Du bist bei ihm sicherer als hier bei mir. Ihr könnt ein Lager suchen, dann fliegt Niko zurück und holt mich ab. Vielleicht finde ich ja auch hier noch weitere Leute, die gerettet werden müssen. Dann ist es wichtig, möglichst viel Platz in der Maschine frei zu haben.“

3. Susann

„Das war heute Nachmittag. Ich bin dann in das Haus gegangen und habe nach weiteren Überlebenden gesucht und bin dann auf Susann gestoßen. Seitdem warten wir auf die Rückkehr des Hubschraubers.“ Damit schloss Armin seine Erzählung.

„Tja, dann muss ich wohl mal mit meiner Geschichte loslegen“, meinte Susann. „Ich hab in der Nachrichtenredaktion von K3 gearbeitet, ihr kennt ja alle den Claim: ‚K3, wir informieren dreifach: Per TV, per Radio und per Web!‘ Wobei das mit der Information in den letzten Wochen und Monaten immer mehr eine hohle Phrase wurde. Es fing alles vor etwa zwei Monaten an.“

„Das kann nicht wahr sein! Ich fasse es nicht!“, Dieter Nordburg, der Leiter der Nachrichtenredaktion von K3 stapfte durch das Redaktionsbüro. Er schrie: „Besprechung in 5 Minuten im großen Raum, ausnahmslos!“

Susann schaute Stefan fragend an. „Weißt Du, was der Alte hat?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass heute Vormittag unser Aufsichtsrat getagt hat und angeblich irgendein wichtiger Besuch dabei war. Nach der Besprechung sollte unser Chef dann nach oben kommen. Und das Ergebnis hast Du ja eben gesehen.“

Susann schwante nichts Gutes. „Um 130 Kilo so in Rage zu bringen, muss das was ziemlich Übles sein, was uns erwartet.“

Sie behielt recht.

„Wir haben einen Maulkorb bekommen. Ich wurde eben darüber informiert, dass wir in Zukunft nur noch in Sparflamme über den Regen zu berichten haben.“ Dieter Nordburg schaute jedem einzelnen in die Augen. „Insbesondere das Wort ‚Sintflut‘ soll nicht mehr verwendet werden. Offiziell heißt es, dass die Bevölkerung es satt habe, jeden Tag neue Berichte über Überschwemmungen zu hören, neue Katastrophenmeldungen, und so weiter. Deswegen sollen wir in Zukunft unser Augenmerk darauf richten, das Gute zu sehen.“ Er schnaubte wie ein Walross. „Da ist ja auch so viel Gutes in der Welt im Moment.“

„Wer hat uns den Maulkorb verpasst?“, wollte ein Redakteur wissen.

„Keine Ahnung. Mir wurde mitgeteilt, dass das die Geschäftsführung heute selbständig entschieden habe. Das ist auch genau das, was nach außen dringen darf. Eure Vermutungen behaltet gefälligst für euch. Aber unter uns: Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.“

Ein paar Tage später traf man sich wieder zu einer Besprechung.

„Die Programmplaner sind fertig mit den Änderungen. Die tägliche Sendezeit für die Nachrichten wird halbiert, der Wetterbericht wird komplett gestrichen. Dafür kommen mehr Spielfilme und Quizsendungen. Die redaktionellen Beiträge sollen sich in Zukunft mehr um lokale Probleme drehen. Berichte über den Regen sollen nur noch von Zeit zu Zeit kommen. Aber nur als Bericht über Einzelschicksale und auch nur, wenn das Ergebnis positiv ist. Das heißt, ihr dürft prinzipiell über eine Evakuierung berichten, wenn, ja wenn sich da zum Beispiel lang vermisste Geschwister wiedergetroffen haben, oder ähnlicher Mist.“ Die Laune des Chefredakteurs war auf dem Tiefpunkt.

„Und jetzt das Wichtigste: Falls wir nicht genug Hinweise auf solche Geschichten finden, um daraus Berichte zu machen, so sollen wir in ‚redaktioneller Freiheit‘ die Storys ‚aufwerten‘.“ Er schaute beschwörend in die Runde. „Leute, das heisst im Klartext, wir sollen Geschichten erfinden!“ Er machte eine Pause, in er sich die bestürzten Gesichter seiner Kollegen ansah. „Und es kommt noch schlimmer. Es wurde ein Gremium gebildet, dass jeden Beitrag freigeben muss. Dieses Gremium besteht nicht aus Mitgliedern unserer Redaktion. Woher die Leute kommen, weiß ich nicht.“

Er schaute resigniert nach unten und seine Stimme wurde leise. „Wer unter diesen Umständen nicht mehr arbeiten möchte, dem ist freigestellt zu gehen. Ich persönlich würde es absolut verstehen. Aber ich wurde darum gebeten klarzustellen, dass es für alle das Beste sei, Kontinuität zu bewahren; was auch immer das bedeuten soll. Und ich habe noch eine Nachricht für euch. Ich soll euch sagen, dass der Inhalt dieser Besprechung, beziehungsweise die Konsequenzen daraus auf gar keinen Fall in die Öffentlichkeit gelangen darf.“

„Und was wäre wenn? Mehr als rausschmeissen können sie uns doch nicht!“

„Das war auch meine Frage, als ich diese Informationen bekommen habe. Die Antwort war, dass ich mir da nicht so sicher sein solle.“

Tatsächlich kündigten weit weniger Redakteure als sie zunächst gedacht hatten. Tatsächlich fanden sie auch die „guten“ Geschichten zwischen den ganzen Katastrophen, nur zufrieden waren sie nicht.

Drei Wochen später kam Stefan in der Kantine auf Susann zu. „Ich kündige“, er hatte ein entschlossenes Gesicht. „Und ich nehme alle Informationen mit. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, informiert zu werden!“

„Was willst du denn machen? Wie willst du denn die Information verbreiten? Ich kenne keinen Sender, der nicht ähnlich verfährt wie wir. Bei denen wirst du die Geschichte nie loswerden.“

„Laß mich nur machen, ich habe meine Möglichkeiten.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum.

Einen Monat später fand erneut eine große Besprechung statt.

Der Chefredakteur stand in Begleitung eines hochgewachsenen schlanken Mannes mit einem verschlossenen Blick. „Leute, das ist Herr Müller vom Beratungsgremium. Für die, die noch nichts von ihm gehört haben: Er ist der Leiter des Gremiums, das unsere Beiträge freigibt.“

„Guten Tag. Ich habe sie heute hier versammelt, um noch einmal an ihre Verantwortung der Bevölkerung gegenüber zu appellieren. Diese Zeiten sind schwierige Zeiten, das sollte uns allen bewusst sein. In schwierigen Zeiten gelten teilweise andere Regeln. Dies ist notwendig, um die innere Ruhe zu bewahren und um stark zu bleiben. Vergleichen sie es ruhig mit einem Krieg. Auch in Kriegszeiten war es üblich, dass die Presse sich vor allem um die Motivation der Bevölkerung gekümmert hat. Unverhohlene Kritik an der Regierung war unangebracht. Sie verstehen, was ich meine?“ Er sah in die Runde.

„Wir befinden uns in einem Krieg. Nur diesmal ist unser Gegner kein anderes Land, keine anderen Menschen. Nein, unser Gegner ist die Natur. Und auch wenn der Gegner anders ist, als alles, was es bislang gab, so sollte ihnen allen eines bewusst sein: Wer jetzt versucht, die bestehende Ordnung zu stören, stellt sich auf die Seite des Gegners. Was das bedeutet, kann sich jeder von ihnen selber ausmalen.“ Er verstummte und verließ den Raum.

„Bevor wir wieder an unsere Arbeit gehen, habe ich noch etwas zu verkünden: Unser ehemaliger Kollege Stefan Mönch wurde vor ein paar Tagen verhaftet. Ihm werden staatsfeindliche Aktivitäten und Unterstützung einer terroristischen Organisation vorgeworfen.

Susann war auf dem Weg nach Hause. Statt mit dem Bus ging sie heute zu Fuß, sie brauchte die Ruhe, um sich über einiges im Klaren zu werden. ‚Stefan ein Terrorist?‘, das wollte nicht in ihren Kopf. Ja, er hatte sich seine eigenen Gedanken über die Vorgänge der letzten Monate gemacht, aber das machte ihn doch noch nicht zu einem Kriminellen. Plötzlich schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Sie spürte, wie sie beobachtet wurde. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken. „Muss mich wohl getäuscht haben“, murmelte sie.

Wie aus dem Nichts stand ein Mann vor ihr. Nicht besonders groß, aber dafür sehr kräftig. Unter seiner Kapuze quoll rotes Haar hervor.

„Hallo Freundin. Das Ende ist nah, du musst dich entscheiden. Hier nimm.“ Mit diesen Worten streckte er ihr eine Karte entgegen und ging davon. Sie nahm sie mechanisch an und schaute rauf. ‚Bist du eine Freundin Gaias?‘ stand drauf. Und weiter: ‚Sei morgen um 19 Uhr in der Cafeteria des Handelscenters‘.

„Na toll, irgendwelche Hippies, die über das Ende der Welt diskutieren. Ich glaube, da habe ich besseres zu tun“, dachte sie für sich. Sie wollte die Karte gerade wegwerfen, da fiel ihr Blick auf die Rückseite der Karte. Da stand: ‚Für Susi‘

Sie blieb wie vom Donner gerührt stehen. „Woher wusste der meinen Namen?“ Und auf einmal fiel es ihr auf. „Niemand hat mich seit der Schulzeit ‚Susi‘ genannt - außer Stefan!“

Die Nacht konnte sie kaum schlafen. Immer wieder gingen ihr Gedanken durch den Kopf. ‚Was ist ein Freund Gaias? Was hat Stefan mit ihnen zu tun?‘

Am darauf folgenden Tag konnte sie den Feierabend kaum erwarten. Viertel vor sieben war sie am Eingang des Centers - und stand vor verschlossener Tür.

„Na toll, und wie soll ich jetzt hier reinkommen?“

„Haben sie etwas im Büro vergessen? Kein Problem, sie können mit uns rein“, sprach sie eine Frauenstimme von hinten an. Sie drehte sich um. Vor ihr stand eine Reinigungskolonne aus etwa zwanzig Frauen.

„Äh ja, ich habe meinen Wohnungsschlüssel im Büro vergessen. Das wäre nett, wenn sie mich reinlassen könnten.“

Gemeinsam mit den Putzkräften betrat sie die Halle. Sie bestieg einen Fahrstuhl und drückte wahllos einen Knopf. Die Türen schlossen sich und er setzte sich in Bewegung. In der Kabine fiel ihr eine Beschriftung auf: „Cafeteria/Kantine, 20. Stock“.

Ihre Hand war schon auf dem Knopf, da fiel ihr ein, dass es noch nicht 19 Uhr war. Deswegen stieg sie in einem der Stockwerke aus und wartete. Einige Minuten später betrat sie wieder den Fahrstuhl und fuhr nach oben. Die Tür zur Cafeteria war unverschlossen, aber niemand befand sich darin. Sie setzte sich auf eine Bank und wartete.

Plötzlich bebte die Erde. Sie lief zum Fenster, da sah sie es. Eine Wand aus Wasser überrollte die Stadt. Schlagartig wurde ihr klar, woher die Wassermassen kamen. „Der Staudamm ist gebrochen!“

4. Funker

„Etwa eine Stunde später kam dann Armin und fand mich“, schloss Susann ihre Erzählung.

„Dann wissen wir ja jetzt, wer wir sind und was uns hierher geführt hat. Wir sollten jetzt etwas schlafen und morgen sehen wir weiter.“

Niemand hatte Einwände gegen Ruths Vorschlag. Also packten sie, Claus und Armin ihre Schlafsäcke aus ihren Rucksäcken und legten sich hinein, Susann machte sich aus Sitzkissen und einer Löschdecke ein Lager.

Die Nacht war kurz. In der Morgendämmerung machte Ruth die Anderen wach. „Aufstehen, wir müssen hier weg.“

Armin wirkte geistesabwesend, Susann war ebenso nicht als wach zu bezeichnen. Claus saß apathisch auf einer Bank.

„Los, keine Müdigkeit vorschützen. Wir müssen hier raus sein, bevor es passiert.“

„Bevor was passiert?“, wollte Armin wissen.

Ruth schaute abwesend „Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich glaube das Haus wird bald einstürzen. Irgendwie weiß ich es.“

„Und wie kommen wir hier weg?“, fragte Susann.

„Ich weiß zwar nicht, welcher verrückte Designer auf die Idee gekommen ist, ein Rettungsboot als Dekoration einer Kantine zu verwenden, aber ich würde ihm die Füße für diesen Einfall küssen.“ Ruth ging zum Boot. „Helft mal mit, damit wir es freibekommen.“

Um das Holzboot herum standen Tische und Bänke, das Boot selber stand auf einem Holzsockel. Im Boot saßen mehrere Schaufensterpuppen in Piratenkleidung.

„Grässlich“, meinte Armin und warf eine Puppe aus dem Boot.

Nach ein paar Minuten hatten sie es geschafft, das Boot stand frei. Ruth ging in die Küche und kam mit zwei Kanistern wieder. „Holt euch auch noch ein paar Wasserkanister. Wir werden ein paar Tage lang davon leben müssen.“

Sie beluden das Boot mit allen nicht verderblichen Lebensmitteln, die sie finden konnten. Schokoriegel, Chipstüten und zum Glück auch einige Dosen mit Gemüse fanden den Weg unter eine Plane, die die Hälfte des Bootes überspannte.

„Und wie bekommen wir das Boot jetzt raus? Wir konnten doch gestern kaum das Schlauchboot tragen“, fragte Claus, der seine Lethargie noch nicht ganz abgeschüttelt hatte.

„Hiermit!“, rief Ruth und hielt ein Seil und eine Axt in der Hand. Mit der Axt begann sie, ein großes Fenster zu zertrümmern, das bis zum Boden reichten. Dabei fiel ihr Blick nach draussen. Das Wasser war in der Nacht weiter gestiegen und befand sich kurz unterhalb der Fensteröffnung. Im Dämmerschein des wolkenverhangenen Morgens sahen sie eine einzige Wasserfläche soweit das Auge reichte. In der Ferne konnten sie die Berge vermuten, aber in ihrer Umgebung war nichts als Wasser.

Ruth entfernte die restlichen Glassplitter. Dann band sie das eine Ende des Seils um eine Außenverkleidung an der linken Seite des Fensters. Sie führte das offene Ende des Seils durch einen Haken am Boot und zog das offene Ende um eine Außenverkleidung an der rechten Seite und führte das Seil zurück.

„Ein Flaschenzug“, meinte Armin bewundernd.

„Ja genau. Es wird zwar immer noch schwer, aber wir können es schaffen.“

Sie brauchten eine Stunde, um das Boot die zehn Meter bis zum Fenster zu ziehen. In der Zwischenzeit war das Wasser noch weiter gestiegen und hatte angefangen, den Raum zu überfluten.

Ruth lief noch einmal schnell aus dem Raum und holte das kleine Schlauchboot. Es sah winzig aus im Vergleich zu dem großen und schweren Ruderboot.

Mit einer letzten Kraftanstrengung schoben sie das Boot aus dem Fenster, dann stiegen sie hinein. Misstrauisch beäugten sie den Boden des Bootes um zu sehen, ob es dicht hielt.

Das Glück schien mit ihnen zu sein. Sie nahmen vier Ruder, die an anderer Stelle der Kantine Dekoration gewesen waren, hingen sie ein und ruderten vom Haus weg.

„Und wieso konnten wir jetzt nicht im Haus bleiben?“, wollte Claus wissen. „Es sind doch noch ein paar Meter bis zum Dach. Wir hätten noch ein paar Stunden in Sicherheit auf die Rückkehr des Hubschraubers warten können.“

„Ich denke nicht mein Schatz“, meinte Ruth.

In diesem Moment wurde das Wasser unruhig. Aus der Ferne sahen sie mehrere Meter hohe Wellenberge auf sie zulaufen. Aus der Richtung des Hauses hörten sie ein Dröhnen.

„Ein Erdbeben!“, entfuhr es Armin.

Jetzt hatten sie die Wellen erreicht. Sie klammerten sich am Boot fest. Es hüpfte wie die sprichwörtliche Nussschale über die Wellenberge, aber es sank nicht.

Nach ein paar Minuten, die ihnen wie Stunden vorkamen, hatte sich der Wellengang beruhigt. Sie hatten wieder Gelegenheit, sich umzuschauen.

Wasser. Nichts als Wasser war um sie herum. Selbst die letzten Trümmerstücke waren wie weggefegt. Keine Häuser waren zu sehen. Und selbst die Berge, die sie am Morgen noch gesehen hatten, waren außerhalb ihres Blickfeldes.

„Lassen wir uns treiben?“, fragte Susann.

„Ja, das ist das Beste. Die Strömung wird uns zu unserem Ziel bringen.“

Also warteten sie. Armin nutzte die Zeit, um eine Inventur des Rucksacks zu machen, den er von Niko erhalten hatte. Dabei fiel ihm ein Handfunkgerät in die Hände.

„Na also, da haben wir doch was.“ Er stellte die Frequenz des Katastrophenschutzes ein und lauschte. Nichts war zu hören. Er rief hinein: „Mayday, Mayday. Kann mich jemand hören?“ Stille.

Als auch nach mehrmaligen Anruf auf dieser und anderen Notfallfrequenzen niemand antwortete, aktivierte er den Suchlauf in der Hoffnung, jemand anderes würde auf irgendeiner Frequenz rufen.

Es dauerte bis zum frühen Nachmittag. Auf einmal hörte er leise eine Stimme. „Hier ist Yankee-Lima-Tango Neun-Neun-Zulu, kann mich jemand hören?“ Susann rüttelte Armin wach, der weggedöst war. In diesem Moment hörten sie es wieder. „Hier ist YLT99Z, ist da irgendwer?“

Armin griff das Funkgerät. „Hallo YLT99Z! Hören sie mich?“

Stille, dann kam nach wenigen Sekunden die Antwort. „Ich hatte die Hoffnung schon aufgeben, noch eine menschliche Stimme zu hören. Mit wem spreche ich?“

„Ich bin Armin, wer bist du?“

„Ich bin Fred. Wo bist du?“

Armin erzählte ihm in kurzen Worten, was ihnen passiert war und wo sie sich jetzt befanden.

„Ich kann dieses Wasser langsam nicht mehr sehen. Irgendwann muss es doch endlich mal aufhören!“ knurrte Fred ins Mikrofon. Dann erzählte er: „Ich bin der Letzte unserer Expedition. Wir sind vorgestern in die Berge aufgebrochen, um von dort Kontakt zu anderen Funkern aufzunehmen.“ Er begann zu erzählen.

„Nichts, da ist rein gar nichts auf den Bändern!“ Fred schaute ratlos drein. „Niemand antwortet auf mein Rufen“

„Ist die Endstufe in Ordnung?“, fragte Jens. Zu dritt saßen sie in ihrer Clubstation.

Holger, der Dritte in ihrer Runde, antwortete: „Habe ich ein paar Mal geprüft. Da gehen 300 Watt raus. Das muss irgendwer hören.“

„Vielleicht sind wir ja taub?“, bohrte Jens nach.

Holger verneinte. „Ist auch getestet. Der Empfänger war am Testsender dran. Die Empfangsleistung ist da. Vielleicht ist da ja wirklich keiner mehr.“

Fred schüttelte fassungslos den Kopf. „Es gibt Millionen von Funkern auf der ganzen Welt. Irgendwer muss doch am Gerät sein!“

„Das Internet geht seit ein paar Tagen auch nicht mehr.“, meinte Holger.

„Weil die Verteilerkästen abgesoffen sind. Das kennen wir doch schon von Fluten vergangener Jahre.“ knurrte Fred.

„Du kennst die Berichte der anderen Funker genauso wie ich. Die Welt säuft ab. Das ist was anderes als das jährliche Hochwasser.“

„So oder so, wir müssen was tun, im Moment kommen wir ja nicht mal über unser Tal hinaus.“

„Was schwebt dir vor Fred?“, wollte Jens wissen.

„Wir schnappen unsere Ausrüstung und fahren auf den nächsten Berg. Von da sollten wir erheblich bessere Möglichkeiten haben.“

Also beluden sie Freds Geländewagen mit einem Notstromgenerator, mehreren Funkgeräten, Antennen und reichlich Werkzeug. Abschließend fuhren sie in ihren Wohnungen vorbei und packten Kleidung, Nahrungsmittel und Getränke ein.

Auf dem Weg in die Berge mussten sie mehr als einmal umkehren, weil eine Straße unpassierbar wurde. Mal gab es Unterspülungen, mal war der Hang abgerutscht.

Am Abend kamen sie endlich an der Gipfelhütte an. Geschafft von der Fahrt packten sie lediglich ihre Schlafsäcke aus und legten sich hinein.

Früh am nächsten Morgen begannen sie mit der Arbeit. Sie entluden den Wagen und spannten eine Drahtantenne auf. Ferner errichteten sie einen kleinen Mast, auf dem weitere Antenne waren.

Kurz vor dem Mittag hatten sie es geschafft, die Anlage war angeschlossen. Voller Spannung setzten sie sich um das Funkgerät. Fred schaltete den Empfänger ein und startete den Suchlauf.

Band für Band, Kanal für Kanal gingen sie durch die Frequenzen. Polizeifunk, Katastrophenschutz, Flugfunk, militärische Frequenzen, zivile Frequenzen.

„Funkstille“, fasste es Holger zusammen. „Wir sollten den Gedanken ins Auge fassen, dass wir die letzten Menschen sein könnten.“

Jens schaute ihn verwundert an. „Sag nicht so einen Blödsinn. Von so einem bisschen Regen kann doch die Welt nicht untergehen!“ Er fing an, die Einstellungen am Gerät zu überprüfen.

„Und wieso antwortet dann niemand?“

Jens tauchte unter dem Tisch auf, unter den er im Laufe des Gesprächs geklettert war. Er hatte ein Antennenkabel in der Hand. „Wenn die falsche Antennen drin sind, ist es klar, dass wir nichts hören.“

Sie schlossen die richtigen Kabel an und horchten erneut. Mehrfach glaubten sie nun, etwas zu hören. Leider war es aber meistens derart von einem Rauschen überlagert, dass sie nichts verstehen konnten.

Dann war es soweit. Sie hörten die erste Station in verständlicher Sprache. „Hier ist Zulu-Zulu-India-Acht-Vier-Echo, kann mich jemand hören?“

Fred griff zum Mikrofon. „Hallo ZZI84E, hier ist YLT99Z. Wie ist dein Standort?“

„Hallo YLT99Z, es ist schön, nochmal eine andere Stimme zu hören. Ich befinde mich in Afrika, in einem Camp am Kilimandscharo. Es ist schön, vor dem Ende nochmal jemanden anderen zu hören.“

„Wieso vor dem Ende?“

„Hast du mal auf das GPS geschaut? Wir sinken.“

Während Fred antwortete, kramte Holger ein GPS hervor. „Wie, sinken? Bist du auf einem Schiff?“

„Nein, die Erde sinkt. Wir sind von Wasser umzingelt und der Berg sinkt immer weiter in die Fluten.“

„Er hat Recht“, Holger schaute fassungslos auf die Anzeige. „Unser Berg müsste über hundert Meter höher sein!“

Jens schaute zweifelnd. „Das muss ein Fehler im System sein. Berge können nicht so einfach sinken.“

Die Stimme aus dem Lautsprecher antwortete. „Es ist keine Täuschung. Ich kann regelrecht sehen, wie das Wasser den Berg hochläuft. Wir haben hier auch immer wieder Erdbeben. Ich merke gerade, es fängt gerade wieder eins an. Es war schön zu hören, dass noch andere Menschen ex...“ Dann brach das Gespräch ab.

Sie führten über den Nachmittag noch weitere Gespräche. Und jedes bestätigte das Bild. Die Erde versank im Wasser.

„Wie soll das möglich sein?“ Jens war immer noch ungläubig.

Holger zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es auch nicht. Aber es ist eindeutig. Zum einen steigen die Wasserpegel, zum anderen scheint sich das Land abzusenken.“

„Vielleicht wird es ja vom Gewicht des Wassers nach unten gedrückt?“, wagte Fred einen Erklärungsversuch.

Sie diskutierten noch die Nacht über.

Am anderen Morgen meinte Jens. „Wenn das GPS-Signal in Ordnung ist, müsste der Fuß des Berges mittlerweile unter Wasser sein. Ich fahre jetzt los und schaue mir das an.“

„Ich komme mit“, meinte Holger. „Nicht, dass Jens vor lauter Trotz meint, kein Wasser sehen zu können“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

Fred blieb in der Hütte, um empfangsbereit zu sein, falls über Funk ein Ruf kam. Sie waren fünf Minuten unterwegs, da fingen die ersten Erdstöße an.

Holger rief über Funk. „Wir werden hier kräftig durchgeschüttelt. Wie sieht es bei dir aus?“

„Es geht. Die Hütte zittert gewaltig, aber die Geräte stehen noch.“

„Stell sie lieber auf den Fußboden. Du weißt, was ich mit dir mache, wenn nur eins davon kaputt geht.“

Nachdem die Erde sich beruhigt hatte, fing Fred an, die Geräte besser zu sichern. Er stellte sie auf den Fußboden und vergewisserte sich, dass nichts in der Nähe darauf fallen könne.

Dann meldete sich Holger erneut. Panik schwang in seiner Stimme mit. „Das Wasser steigt! Wir sind nicht ganz nach unten gekommen. Wir versuchen jetzt, zu dir zurückzukommen, bevor uns das Wasser erreicht hat.“

Dann fing die Erde wieder an zu beben. Stärker als davor, viel stärker. Fred flüchtete nach draussen. Der große Antennenmast fiel um und schlug auf die Hütte. Fred konnte sich nicht mehr auf seinen Beinen halten und ließ sich zu Boden fallen.

Und dann war es ruhig. Vorsichtig stand Fred auf und schaute sich um. Er war umringt von Wasser. Das was einmal die Spitze eines Berges gewesen war, war nun eine Insel im Meer. Es gab keine Spur von Jens und Holger.

Zurück in der Hütte begutachtete er den Schaden. Da der Antennenmast auf den Generator gefallen war, hatten sie keinen Netzstrom mehr, aber die Batterien waren voll geladen und sollten einige Stunden halten. Eines der Funkgeräte ließ sich noch einschalten. Fred hing einen Draht in der Hütte auf, schloss das Funkgerät daran an und fing an zu rufen.

5. Schiff

„Wie ist der Wasserstand jetzt?“, fragte Armin.

„Das Wasser hat die Hütte erreicht, ich habe schon nasse Füsse.“

Können wir ihn nicht retten?“, fragte Susann.

Armin fragte bei Fred nach.

„Keine Chance. Das Wasser steigt zu schnell. Ich denke, dass ich in spätestens einer halben Stunde ewige Funkstille halten werden. Und wenn ich euren Standort richtig einschätze, seid ihr bestimmt hundert Kilometer entfernt. Das könntet ihr höchstens mit einem Flugzeug schaffen, nicht aber mit einem Ruderboot. Es war schön, noch einmal mit Menschen gesprochen zu haben. Tut mir einen Gefallen: Wenn ihr überlebt, tragt meine Geschichte weiter. Dann hat ein Teil von mir überlebt.“

Armin nickte stumm. „Ich verspreche es dir. Wir werden dich in Erinnerung behalten.“

„Vielen Dank. Ich muss jetzt Schluss machen, das Wasser hat die Geräte fast erreicht. Ich werde jetzt auf das Dach steigen und auf ein Wunder hoffen. Lebt wohl!“

„Lebe auch wohl und viel Glück!“

„Danke! YLT99Z Ende.“

Damit verstummte Fred. Armin aktivierte wieder den Suchlauf, hatte aber nicht wirklich Hoffnung, noch jemanden zu hören.

Sie ließen sich weiter mit der Strömung treiben.

„Was haben wir für ein Ziel?“, fragte Claus. „Die Erde versinkt und wir treiben hier auf einer Nussschale durch einen unendlichen Ozean.“

„Wir werden an das Ziel kommen“, meinte Ruth zuversichtlich. „Früher oder später werden wir es erreichen.“

„Ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst! Du bist schon die ganzen letzten Tage so seltsam gewesen. Ihr alle seit irgendwie seltsam. Wie könnt ihr so ruhig bleiben?“

„Spürst du es denn nicht?“, fragte Susann verwundert. „Es verändert sich. Es ruft uns.“

„Ich glaube, er kann es nicht hören“, meinte Armin. „Ich höre es auch nur ganz schwach, aber da ist etwas.“

Claus rief aus: „Ihr seit doch alle nicht mehr ganz klar im Kopf!“ Dann setzte er sich so weit von den anderen weg wie nur möglich und schaute in die Ferne.

Schweigend aßen sie zu Abend. Ruth, Armin und Susann in der einen, Claus in der anderen Ecke des Bootes.

Susann war die Erste, die am nächsten Morgen aufwachte. Sie reckte sich, um die Müdigkeit aus ihren Knochen zu verbannen. Ruth und Armin wachten wenig später ebenfalls auf.

„Leute, das wird ein toller Tag!“, trällerte Susann. „Ich hab‘s irgendwie im Gefühl.“

Armin grinste. „Ja, irgendwie fühle ich mich auch gut.“

Ruth lächelte zuversichtlich. „Heute wird es geschehen.“

Claus, der von den anderen wach geworden war, blinzelte mit den Augen. Irgendwas war anders, nur was? Er reckte und streckte sich, war aber immer noch nicht wach. Seine Augen taten ihm weh. Die Sonne stach wie ein Messer zwischen seine halb geschlossenen Lieder.

Plötzlich riss er seine Augen weit auf. „Die Sonne! Es regnet nicht mehr!“

Da bemerkten es auch die anderen. Das Meer war ruhig, nur ein sanftes Lüftchen wehte. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne lachte zu ihnen herunter. Es war angenehm warm, aber nicht heiß.

Susann lachte. „Ich denke, wir haben es geschafft!“

Claus war resigniert wie zuvor. „Was haben wir geschafft? Jetzt werden wir höchstens noch eher sterben, weil wir aufgrund der Wärme verdursten. Jetzt könnten wir nicht mal zur Not Regenwasser trinken.“

„Etwas kommt“, sagte Ruth zusammenhangslos.

Armin und Susann schauten sich um, konnten aber zunächst nichts entdecken. Wenige Minuten später sahen sie einen Masten am Ende des Horizonts. Armin stellte das Funkgerät auf die Notruffrequenz im Seefunk und rief: „Mayday, Mayday. Kann mich jemand hören?“

Er wiederholte den Ruf mehrmals. Nach einer Minute hörten sie eine Antwort.

„Hier ist die Alexa, wer ruft um Hilfe?“

„Hallo Alexa. Wir sind vier Leute und sitzen in einem Rettungsboot. Falls sie das Schiff sind, was wir hier sehen können, befinden wir uns von ihnen aus im Süden. Sie halten im Moment nahezu gerade auf uns zu.“

„Einen Moment.“

Plötzlich stieg eine rote Leuchtkugel vom Schiff auf.

„Haben sie eben gerade mit einer Signalpistole geschossen?“

„Ja, das waren wir. Wir können sie im Moment noch nicht sehen. Bitte leiten sie uns auf sich zu.“

Im Laufe der nächsten halben Stunde wurde das Schiff immer größer. Armin mußte gelegentlich Bescheid geben, damit sie nicht zu weit an ihnen vorbeifuhren.

„Hallo Rettungsboot. Jetzt können wir sie auch sehen. Wir sind in ein paar Minuten bei ihnen.“

Je näher das Schiff kam, desto mehr Details konnten sie erkennen. Die Alexa war ein alter halb verrosteter Fischkutter. Die Netze hingen zum Trocknen in den Masten. Am Bug stand ein Mann mit einem Fernglas in der Hand, der ihnen zuwinkte.

Das Schiff kam längsseits, dann wurden ihnen Seile zugeworfen, mit denen sie das Boot befestigen. Helfende Hände streckten sich nach ihnen aus, um sie an Bord zu ziehen.

Ein etwa 50jähriger Mann stand vor ihnen, die Haut vom Salzwasser gegerbt. Er trug ein derbes Hemd und eine Jeans.

„Seit willkommen auf der Alexa. Ich bin Björn der Kapitän, die beiden da sind Jan und Sven, meine Schiffsleute.“ Damit zeigte er auf einen jungen hochgewachsenen Mann mit blonden Haaren und einen etwas dicklichen, kleineren Mann mit dünnem braunem Haar.

„Ich bin Armin. Das sind Ruth, Susann und Claus.“

„Hallo ihr vier. Wir haben sicherlich einiges zu besprechen. Kommt mit in die Kombüse.“ Damit ging er in den hinteren Bereich des Schiffs, die anderen folgten ihm. Sie nahmen in der Kombüse auf einer Bank Platz.

„Erzählt, wo kommt ihr her? Und was um alles in der Welt ist passiert? Wenn meine Daten nicht total falsch sind, müssten wir hier eigentlich über Land sein.“

Armin erzählte ihre Geschichte. Am Ende nickte Björn mit dem Kopf und schaute zu Boden.

„So etwas Ähnliches habe ich mir bereits gedacht. Wir sind vorgestern aufgebrochen. Gestern verloren wir den Funkkontakt mit dem Festland, deswegen sind wir umgedreht um nachzuschauen.“

„Wo wollt ihr hin?“, wollte Armin wissen.

„Ich bin mir noch nicht sicher. Aber ich denke, ich werde in Richtung der Berge fahren. Da ist die Chance noch am höchsten, dass irgendein Fleck Land übrig geblieben ist. Ich kann euch nicht viel Hoffnung machen. Wir haben genügend Fisch. Davon könnten wir ein paar Monate überleben. Aber unser Trinkwasser reicht schon für uns drei nur noch für höchstens zwei Wochen, der Treibstoff wird uns in maximal einer Woche ausgehen.“

„Das ist kein Problem“, antwortete Ruth. „Wir werden euch nicht begleiten.“

„Bist du jetzt komplett wahnsinnig geworden?“ rief Claus aus. „Wir können hier an Bord bleiben und du schlägst es aus, um lieber führungslos über das Meer zu treiben?“

Ruth hatte ihrem Mann kaum zugehört und schaute in die Ferne, ohne einen Punkt zu fixieren. „Ich kann es nicht mehr hören. Kaum, dass wir an Bord gegangen ist, ist es verstummt. Hier können wir nicht bleiben.“ Susann und Armin nickten stumm.

„Ich bleibe hier! Ihr könnt ja meinetwegen zurück auf die Nussschale, aber ich bleibe hier!“

Ruth nickte. „Ich weiß.“

Die Verabschiedung war kurz und schmerzlos. Ruth, Armin und Susann stiegen zurück in das Boot. Ruth reichte ihrem Mann wortlos seine Kleidung aus dem Rucksack, behielt den Rucksack aber zurück. Dann machten sie die Leinen los. Das Schiff fuhr davon und ließ das Boot zurück. Weder Ruth noch ihr Mann schauten zurück.

Als das Schiff einen Kilometer entfernt war, meinte Ruth. „Es ist wieder da. Wir sind auf dem richtigen Weg.“

Susann nickte. „Auf dem Schiff war es so ... kalt. Ich habe mich irgendwie leer gefühlt.“

Auch Armin stimmte zu. „Ja, irgendetwas fehlte. Ich weiß nicht was. Aber jetzt geht es mir wieder besser. Wir sollten keine weiteren Schiffe rufen.“

„Wir werden keine weiteren Schiffe sehen“, antwortete Ruth selbstsicher.

6. Manipura

Am Abend sah Armin auf. „Seht doch, da ist ein Leuchten am Horizont!“

„Ja, wir sind bald angekommen. Das Ziel unserer Reise ist nah. Du spürst es auch Susann, oder?“

„Ja. Ich spüre absolutes Glück auf uns zukommen.“

Eine halbe Stunde später sahen sie Land. Je näher sie kamen, desto mehr Details konnten sie erkennen. Dichter Laubwald schien die gesamte Insel zu bedecken, die in einem eigentümlichen Gelb leuchtete. Das Leuchten schien aus der Luft heraus zu entstehen, sie konnten keinerlei Scheinwerfer oder Ähnliches erkennen. ĀEs umfasste die gesamte Insel wie eine Aura.

Als sie den Strand erreichten, kamen ihnen sieben halbnackte, barfüssige Menschen entgegen. Die meisten von ihnen trugen nur einen kleinen Lendenschurz, einige trugen als einziges Stück Kleidung ein T-Shirt. Jeder von ihnen hatte eine Kette um den Hals, an dem etwas hing.

Sie halfen ihnen, das Boot an Land zu ziehen. Eine Frau mittleren Alters begrüßte sie würdevoll.

„Seid willkommen meine Freunde. Legt ab, was euch hemmt und folgt mir.“

Ruth folgte der Anweisung und zog alles bis auf ihre Bluse aus. Susann verharrte einen Moment, dann machte sie es Ruth nach. Armin zog lediglich seine Schuhen und Socken aus, blieb aber ansonsten bekleidet.

Sie folgten der Frau. Die anderen sechs folgten ihnen.

„Ich bin Maria. Ich freue mich, dass neue Freunde den Weg zu uns gefunden haben.“

Ruth wirkte geistesabwesend, Susann wanderte beseelt hinter ihr her, während sich Armin umschaute.

Er sah sowohl fertige, als auch halbfertige Holzhütten, sowie Menschen, die teilweise vor den Hütten im Gras lagen und schliefen. Andere liefen herum und trugen grob geschnittene Holzbretter, Seile und Werkzeug.

Je tiefer sie in den Wald gingen, desto höher und breiter wurden die Bäume, bis sie fast die Größe von Mammutbäumen erreicht hatten. Zwischen sieben dieser Mammutbäume war in zehn Meter Höhe eine große Plane gespannt, die eine Fläche überdachte, die der eines Zirkuszeltes entsprach. In der Mitte des Raums stand der größte Edelstein, den er jemals in seinem Leben gesehen hatte. Auf einem Sockel aus grob gehauenen Steinen stand ein gelb schimmernder Edelstein von etwa einem Meter Durchmesser und zwei Metern Höhe, der den Raum erhellte.

Davor stand eine junge Frau. Sie trug ein gelbes Tuch, das sie in der Form einer Tunika um ihre Schultern gelegt hatte und das ihren gesamten Körper bedeckte. Die Frau hatten ihren Kopf nach unten geneigt und die Augen geschlossen. Ihre Hände hielt sie übereinander in Höhe ihres Bauchnabels. Nicht in der Art einer christlichen Gebetshaltung, sondern die linke Hand in der Handfläche der rechten.

Sie näherten sich ihr bis auf fünf Meter, dann warteten sie.

Die Frau sah auf. Freude war ihr ins Gesicht geschrieben. „Hallo! Ich freue mich, dass es Neuankömmlinge gibt. Willkommen auf Manipura! Ich bin Sarah, die Leiterin.“

„Manipura?“, Armin wunderte sich. „Ein Ort mit diesem Namen ist mir total unbekannt.“

Sie lachte. „Ja, das ist kein Wunder. Manipura ist einer der sieben Chakren Gaias. Aber bevor ich euch mehr davon erzähle, würde ich gerne mehr von euch wissen. Was habt ihr erlebt, was habt ihr gesehen?

Armin fing zu erzählen an. Er ließ nicht das winzigste Detail aus. Während der Erzählung wunderte er sich über sich selber. Er hatte nie ein schlechtes Gedächtnis gehabt, aber es schien ihm, als wenn es noch besser geworden wäre. Als er fertig war, lächelte Sarah.

„Ich glaube, du wirst einen exzellenten Erzähler abgeben, Armin. Und du Susann, was kannst du?“

„Ich war Redakteurin eines Fernsehsenders.“

„Ich habe nicht gefragt, was du warst, sondern was du kannst.“

„Ich, ich fühle. Es hat angefangen, kurz bevor mir diese Karte gegeben wurde, die mich in das Hochhaus gelockt hatte. Seitdem wurde es immer stärker. Und als ich das Glühen der Insel fühlte, wurde es noch heftiger. Hier, auf Manipura, spüre ich ich alles. Die Gefühle der Menschen prasseln auf mich ein wie warmer Sommerregen. Ungewohnt, aber nicht unangenehm.“

„Du wirst uns als Fühlerin einen guten Dienst erweisen.“

„Ich werde als Seherin arbeiten“, sprach Ruth.

Sarah lächelte. „Du wirst eine wirklich gute Seherin.“

„Ich weiß“, lächelte sie zurück.

„Bevor ich euch in die Gemeinschaft einführe, werde ich euch erzählen, wer wir sind und wo wir herkommen.“

Sie setzte sich auf den Boden, die anderen folgten ihrem Beispiel und bildeten einen kleinen Kreis.

„Unsere Gemeinschaft formte sich vor einem halben Jahr. Wir kamen aus verschiedenen Kulturkreisen und Nationen. Irgendwie haben wir uns gefunden. Wir merkten, dass etwas mit der Erde passierte. Wir hatten das Gefühl, dass die Erde erkrankt war und dass sie gerade versuchte, ihre Krankheit - den Menschen - loszuwerden. Sagt euch der Begriff ‚Chakra‘ etwas?“, fragte sie in die Runde.

Als alle verneinten, erklärte sie: „Chakra ist ein Begriff aus dem Sanskrit und bezeichnet die Energiezentren im menschlichen Körper. Es gibt sieben Chakren. Wenn sie geöffnet sind, geht es dem Menschen gut. Sind sie teilweise oder sogar ganz geschlossen, so geht es dem Menschen schlecht, er ist krank. Nun, wir sind der Meinung dass auch die Erde ihre sieben Chakren hat. Man konnte sie lange nicht finden, denn sie waren verschlossen, weil es der Erde schlecht ging. je mehr sie sich aber des Menschen entledigte, desto weiter öffneten sich die Chakren, desto besser konnten wir sie finden.

Jeder aus unserer Gemeinschaft fühlte sich zu einem der Punkte auf der Erde hingezogen, von denen wir tatsächlich genau sieben fanden. Vor einer Woche offenbarten sich uns grosse Energiesteine. In unserem Chakra war es dieser Topas.“ Damit zeigte sie auf den großen gelben Edelstein hinter ihr.

„Wir wissen, dass in den anderen Chakren ähnliche Dinge passierten, jedoch waren es dort andere Steine. Aufgrund der Art der Steine konnten wir unseren Chakren Namen zuordnen, deswegen heisst unser Chakra ‚Manipura‘. Wir sind davon überzeugt, dass die Erde ein Lebewesen ist, aus diesem Grund nennen wir sie ‚Gaia‘ und nennen uns ‚Gaianer‘. Gaia ist der Name der griechischen Erdgöttin. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die These der Erde als Lebewesen begründet. Wir fanden sie nun bestätigt.“

„Die Erde soll ein Lebewesen sein?“ fragte Armin skeptisch.

„Wie würdest du dir ansonsten erklären, was die letzten Monate geschehen ist? Meinst du, es war alles Zufall? Unserer Meinung nach ist zuviel passiert, was sich anders nicht erklären lässt. Ich wundere mich, dass du gar nicht die Chakren bezweifelt hast“, lächelte sie.

Armin lächelte zurück. „Dazu wäre ich noch gekommen. Ich finde das recht abenteuerlich, eine grenzwissenschaftliche Theorie auf die Erde anzuwenden.“

„Auch hier kann ich nur einwenden, dass es zuerst die Theorie gab und dann erst die Fakten eintraten. Unsere Gemeinschaft wurde von genau sieben Punkten angezogen und an jedem der sieben Punkte erschien genau ein Energiestein, jeder von einer anderen Art, entsprechend der Chakra-Theorie. Kann das noch Zufall sein?“

„Ich weiß es nicht. Seltsam ist das schon. Aber ich bleibe trotzdem skeptisch. Aber eine Sache ist mir gerade aufgefallen: Du hast gesagt, dass an allen Punkten die Steine erschienen, unser hier erschien aber erst vor einer Woche. Heisst das, dass wir Kontakt zu den anderen Chakren haben?“

Sarah schüttelte traurig den Kopf. „Nicht mehr. Wir haben den Kontakt über Satellitentelefone gehalten. Als dann gestern, am Tag vor der Heilung, die Bodenstationen überflutet wurden, brach das Netz zusammen. Seitdem wissen wir nicht, was in den anderen Chakren passiert. Keines war zum Zeitpunkt des letzten Kontakts überflutet. Deswegen denken wir, dass auch die anderen überlebt haben. Sicher sind wir uns aber nicht.“

„Habt ihr denn keine anständigen Funkgeräte hier?“

„Nein, leider nicht. Wir sind ja eine Gemeinschaft, die der Technik entsagt hat, ich denke, dass aus diesem Grund niemand an soetwas gedacht hat.“

„Schlecht“, meinte Armin. „Dann hätte ich aber noch eine Frage: Soweit ich es gesehen habe, trägt hier jeder eine Kette mit einem Stein?“

„Ja, gemeinsam mit dem grossen Stein zeigten sich uns auch überall kleine Steine. Als wir sie berührten, stellten wir fest, wie wir von Energie durchflutet wurden. Die Steine verstärken unsere neuen besonderen Fähigkeiten erheblich. Ihr habt ja schon gemerkt, dass eine Entwicklung in euch vorgeht, seitdem ihr hier seit. Mit eurem persönlichen Stein werden die Fähigkeiten weiter zunehmen und stabil sein.“

Sarah stand auf. „Aus diesem Grund möchte ich euch nun auch eure persönlichen Energiesteine überreichen und euch damit in unsere Gemeinschaft aufnehmen.“

Sarah ging zum grossen Energiestein und hob drei Steine an Stoffbändern auf, die davor lagen. Einem nach dem anderen hängte sie nun den Stein um. Dann stellte sie sich vor die drei.

„Haltet nun eure Hände über euren Bauchnabel und macht euren Geist frei. Spürt die Energie, die bereit ist, euch zu helfen und ladet sie ein.“

Armin schloss seine Augen. Er verbannte jeglichen Gedanken aus seinem Kopf. In der Dunkelheit zeigte sich nun ein heller Punkt. Armin ging im Geiste darauf zu. Der helle Punkt kam näher und zeigte sich als gelber, von innen leuchtender Stein, der in der Dunkelheit vor ihm lag. Armin nahm ihn beidhändig auf und führte ihn zu seinem Bauchnabel. Als der Stein in seinem Körper verschwand, spürte er, wie ihn wohlige Wärme durchflutete. Er öffnete freudestrahlend die Augen und sah, dass es den anderen genauso erging.

Sarah sprach: „Willkommen in Manipura, willkommen zuhause!“

Und Armin wusste, es war keine leere Floskel. Er war zuhause, das erste Mal in seinem Leben.